Der Weg in die Weite – „Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 1

Anreise am 02. August 2016

Wer aus dem Süden der Republik nach Bremerhaven fährt, um von hier aus eine Schiffsreise zu beginnen, erfährt vor allem einmal: Weite.

Bereits kurz nach dem Harz – Anreise mit dem ICE vorausgesetzt – wird die Gegend flacher, und man wundert sich, wie schnell es von Hannover nach Bremen geht. Die Windräder sind kleiner; überhaupt tut sich eine ganze Welt auf, die eingefleischte Bayern in der Regel allein aus identitätsstiftenden Anti-Nordlichter-Witzen kennen bzw. verkennen.

Tatsächlich ist dieses wohltuende irgendwie Hanseatische bald zu erfahren; mag sein, vielleicht ist man hier oberflächlicher, aber vor allem zeigen sich die Menschen, die uns bereits in Bremen, dann in Bremerhaven entgegenkommen, freundlicher, unkomplizierter. Die Luft zum Atmen am Weserdeich, hinter dem das Atlantic-Hotel in Richtung Nordsee ragt, ist rein, zu erahnen ist das Salz. Auf alle Fälle ziehen Möven ihre Kreise. Erinnerungen von einst steigen in einem auf: Jonathan Livingston Seagull … Und die gelegentliche Frage: Wie weit trägt mich das Englisch, das aus Zeiten des Schulbankdrückens übrig geblieben ist?

Es ist dies die fünfte Schiffsreise des Cartellverbandes. Gut 110 Cartellbrüder und Begleiterinnen haben sich angemeldet, von denen schon am Montagabend, 1. August, knapp die Hälfte sich an der Weser eingefunden haben. Die „Strandhalle Bremerhaven“, wo das Abendbüffet genommen wird, ist die perfekte Kulisse für dunkelblaue Blazer mit maritimen Messingknöpfen. Interessante Erfahrung: Was einem Südlicht noch etwas fremd erscheinen mag, veredelt einem die Gemeinschaft der Cartellbrüderlichkeit. Wie so oft wohl kennen sich zahlreiche Teilnehmer bereits von vorangegangenen Reisen, andere stoßen dazu und werden gerne aufgenommen. Die meisten tragen ihre Bänder. Spontan geht es einem durch Kopf und Herz: Wenn es den CV nicht gäbe, müsste man ihn erst noch (schnell) erfinden!

Richard Weiskorn Instruktionen am Beginn des ersten AbendsBei CV-Sekretär Richard Weiskorn (Ae), Reisemarschall nicht nur aus Verpflichtung, sondern auch und vor allem hauptsächlich aus innerer Verbundenheit, laufen alle Fäden zusammen: Organisation, Motivation, Einzelheiten, vergangene Reisen, Cartellverband, auch ganz konkret Dinge wie: der Weg zum Frühstück am 2. August … Jetzt hat sich „Mister CV“ (so eine wohlwollende Würdigung anlässlich seines 60. im vergangenen Jahr) erhoben, spricht kurz über die morgige heilige Messe in St. Marien, über Einschiffung, über die mittlerweile schon bekannten „dienstbaren Geister“, die die Koffer allesamt an Bord bewegen werden, gibt in Einzelgesprächen diverse nützliche Hinweise. Auch Herr Karlheinz Hermanns („Ich bin aus Mönchen-Gladbach und da ist etwas, zweimal getan, schon ehrwürdige Tradition“) und Frau Gudrun Knopf, beide Reiseleiter und freundliche Begleiter von „Biblische Reisen“, sind eminent hilfsbereit.

Für das leibliche Wohl ist wieder bestens gesorgtCV-Ratsvorsitzender Dr. Heiner M. Emrich (Nv) ergreift ebenso das Wort und moderiert angenehm das Beisammensein, bis er ausruft: „I declare the buffet open.“ Cartellbrüder und ihre Frauen nehmen Kurs hart Büffet; an den runden Tischen folgen Gespräche über Verbindungszugehörigkeiten, berufliche Erfahrungen, erstes Abtasten, einfach mal Ankommen. Jedem Ende wohne ein Zauber inne, wurde Hermann Hesses häufig bemühtes Gedicht schon auf den Kopf gestellt; heute Abend allerdings gilt das Diktum des Psycho-Romantikers in seiner ursprünglichen Version. Dieser Zauber kommt demnach dieser Gemeinschaft schon am Anfang zu.

Und so werden wir uns in den kommenden Tagen weiterhin bester Fischsorten erfreuen, wie sie uns vorhin bereits auf den Holzbretteln des Büffets entgegenleuchteten. Das Meer wird während der gesamten Fahrt auf der „Hamburg“ sicherlich flach bleiben wie eine Scheibe. Wir gehen davon aus, dass die in den ersten Gesprächen wiederholt thematisierte Sphäre von Seekrankheit und Unwohlsein im Sturmes-Auf und -Ab der Phantasie vorbehalten bleiben wird. Immerhin sollte bei der heiligen Messe in St. Marien um ein angemessenes Wetter gebetet werden. An Cartellbrüderlichkeit wird es, der Herzlichkeit des ersten Abends nach zu urteilen, keineswegs fehlen.

Zusammenfassung: Heute ging es hinaus in die (geographische) Weite; die maritime Weite durften wir schon einmal schnuppern. „Duc in altum“, sagte der Herr zu Petrus (Lk 5,4): „Fahr hinaus in die Weite.“ Das werden wir morgen tun. Weite heißt lateinisch „altum“. Das zeigt schon, dass es um etwas Erhebendes geht!

Veit Neumann (Alm)