England, wir kommen! – Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 2

03. August 2016

Hinter uns die abendlichen Lichter des KontinentsWer nicht tagtäglich die Landkarte Europas vor Augen hat, gewinnt während einer Kreuzfahrt – gleich beginnend während des Wasserwegs von Bremerhaven nach Dover – ein neues Verhältnis zur Beschaffenheit Europas; oder: gewinnt es zurück oder erst wieder. Bei eingeschränkter Kommunikation interessiert man sich nämlich verstärkt für eine Antwort auf die Frage, wo der eigene Standort oder vielmehr wo die eigenen Koordinaten mitten im unendlichen Einerlei aus auf- und abwiegenden Wogen und Wellen ist bzw. sind. Keine Kommunikation also, damit ist gemeint: kein Handy, kein Internet, kein Youtube mitsamt Filmchen, kein Facebook, überhaupt: kein Google, Wikipedia & Co., was naturgemäß bei erhöhten Kosten zu beschaffen wäre. Allerdings ist einem gar nicht so recht danach, sich mitzuteilen oder an den genannten Internetzonen zu verweilen. Zu faszinierend ist der immer neue Blick auf die Nachrichtenlosigkeit aus den runden Fenstern, der immer neue Blick auf die sich immer wieder und weiter überschlagenden und überlagernden, überlaufenden und überdeckenden Wassertürmchen im bläulichen Einerlei, das uns trägt.

Wasser wohin der Blick auch schweiftZu neu ist außerdem die Welt auf der MS Hamburg, die uns umgibt; zu ungewohnt sind auch noch wenigstens zu Beginn die Servicezeiten und die aufmerksamen Bemühungen der Bedienstetenschaft, die an anderer Stelle unserer ACADEMIA bereits einmal als „dienstbare Geister“ bezeichnet wurden. Ein neues Gefühl, denn überall sausen, zurren, klopfen und wischen Vertreter und vor allem auch dankbare Vertreterinnen aus diverser Herren Länder, decken auf und ab und um und sind überhaupt um das leibliche Wohl der zwischenzeitlich erstmals dankbar genießenden Gemeinde der Schiffrundfahrt um die Britischen Inseln ehrlich bemüht.

Neues Verhältnis zur Beschaffenheit Europas also: dann und wann erscheinen Land-, will sagen vielmehr Meereskarten auf Monitoren an der Wand im Bauch der MS Hamburg. Noch ist deren Gehege aus Gängen, Fluren und Lounges, ankündigenden Hinweistafeln und allerlei freundlichen Blicken, die uns begleiten, wenn wir hier wandeln, nicht internalisiert. Unser Schiff bewegt sich an der Terschelling vorbei, Ameland hart im Blick. Das war bei einer frühmorgendlichen Durchsage in allen Kabinen zu erfahren. Manch einer war froh, erwachend festzustellen, dass die nächtlichen Auf- und Abbewegungen, um ca. 3 Uhr erstmals deutlicher erfahren, das Schiff nicht sonderlich in Not gebracht haben. Nächtens erscheinen alle Bewegungen, die den still liegenden eigenen Körper wiegen, vergrößert und irgendwie auch vergröbert. Nicht wenige waren wohl erleichtert, die wirklich ausnehmend freundliche Stimme von Reisekoordinator Karlheinz Hermanns von den „Biblischen Reisen“ zum Morgengruß per Übertragung zu vernehmen.

Lounge Vorstellung Karlheinz HermannsMit angenehm um das Wohl aller Passagiere besorgter Stimme brachte Herr Hermanns nach um Behagen bemüht vorgetragenen seemännischen Details zur augenblicklichen Tiefe des Ungemessenen (nur 21 Meter unter Kiel) ein schönes Wort des Thomas Morus zum weiteren Bedenken vor, wonach keiner oder doch wohl kaum einer je eine Reise getan haben würde, ohne nicht doch immerhin wenigstens ein Vorurteil loszuwerden. Wohl wahr. Um Vorurteile zu entdecken, die einstweilen abgetan worden wären, ist es am Tag eins der „richtigen Seereise“ (da wir uns erstmals 24 Stunden ohne Landkontakt auf dem bewegten Blau befinden) zu früh. Allerdings darf schon vermerkt werden, dass das Programm dicht gestrickt ist, aber durchaus ausreichend Platz lässt, an Bord anzukommen – und sich vor allem auf das zu freuen, was in erheblicher Menge vor uns liegt: Freiheit, Freizeit, Freizügigkeit des Fühlens und Denkens. Bereits jetzt erscheint, dass ein komplett neues Lebensumfeld viel innere Renovierung, Wiederherstellung ermöglicht.

Die hilfsbereiten jungen Frauen ukrainischer Sprache von der Frisörabteilung sind im Übrigen gut in Nachfrage gekommen, was die Aufhübschung mancher Damen für den heutigen ersten Gala-Abend betrifft. Im Palmengarten, pardon: Palmgarten (warum heißt der eigentlich so, wenn keine Pflanzen dort sind?) ganz oben, wo gestern Abend noch der friedliche Himmel bei Tabak und Bier betrachtet werden durfte und auch wurde, weht augenblicklich eine herrlich „steife Brise“. Sie lässt an die irgendwie altväterlich vorgebrachten Hinweise denken, an der frischen Luft stets eine Hand dem Schiff zu widmen und nur die andere für eigene Gebrauchlichkeiten einzusetzen. Bereits gestern ging die Rede davon, was zu tun wäre, wenn es denn heißt: Mann über Bord. Allen Ernstes! Doch soweit wollen wir hier gar nicht erst denken. Es wird „oben“ gerade der CV-Frühschoppen präpariert, der die Cartellbrüderlichkeit weiter verstärken wird. Als wäre dies nötig. Sie ist wohlwollend, gut und haltbar; auch wenn es noch zu keiner Spontankneipe gekommen ist. Hat auch noch Zeit.

Ein bisschen ist es schon so, als fräßen wir uns durch die gewaltige Mauer aus Reisbrei oder, in anderen Versionen von Christian Andersens Märchen, durch die Wand aus Grütze, um ins ersehnte Schlaraffenland zu gelangen: das Schlaraffenland in dem Sinne, dass sich viel Neues oder doch längst Entwöhntes in England zeigen wird, das wir besichtigen möchten. Hier bei uns auf der MS Hamburg handelt es sich nicht um eine Genussreise, die den Überdruss oder Frust aus dem Alltag herunter zu essen oder hinunterzuspülen ließe, auch wenn die Verpflegung auf der „Hamburg“ mehr ist als nur Verpflegung, die Speisen sind anregend, phasenweise erlesen und in jeder Hinsicht bekömmlich.

Sagen wir es so: Es gilt Vorfreude auf die Englischen (so Thomas Mann für die „Engländer“) und ihr Land. Stille Bewunderung für die gewisse Unbeugsamkeit dieser Insulaner ist soundso vorhanden, die Punkto Männermode bis heute Maßstäbe setzen und deren Humor bissig-unverdrossen und splendid wie ihre ebenso genannte Isolation ist; was sich hauptsächlich an den Besichtigungen der Stein gewordenen Zeugen ihrer Vergangenheit und Gegenwart ablesen lassen wird. Kneipenbesuche, Kontakte mit Einheimischen, ich stelle mir irgenstwie vor: mit lustigen Burschen bei Pint und/oder Stout, Fußballgespräche, Fachsimpeln über Churchill, Brexit, das Verhältnis der Insulaner zu ihren französischen Insel-Gegenübern wird es wohl nicht geben. Bitte, wir sind auf einer Schiffsreise, die Orte aufsuchen und betrachten möchte. Gewiss aber wird uns viel Bauliches an das gemeinsame europäische Erbe erinnern, das in Politikerreden häufig beschworen wird. Wir freuen uns darauf.

Die Voraussetzungen für den vorgenannten CV-Frühschoppen gehen einstweilen auf die Zielgerade. Zusammenfassend vermelden wir: Die CV-Schiffsreise hat regelrecht an Fahrt aufgenommen, auf welcher Position auch immer wir uns auf der Nordsee befinden, wieviele Knoten wir machen, wie viele Meter Wassers wir unter Kiel wissen dürfen. Europa ist auch das flüssige Element, das wir befahren, nicht nur der Kontinent, der sich bis zum Kaukasus erstreckt. Aber damit wären wir geographisch erneut bei den freundlichen Bedienungen aus der Ukraine, die übrigens momentan die Zimmer auf Frische-Status bringen. Ihnen sei – wie so vielen – herzlicher Dank. England, wir kommen! Doch zunächst rasch zum CV-Frühschoppen.

Veit Neumann (Alm)