„Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 4

05. August 2016

Von englischer Herrschaft, einem Bekenner und einer ölgetriebenen Madame Baillie

"Rund um die Britischen Inseln" - Teil 4Gestern und morgen – solange es noch genug Tage vor uns gibt, verschwimmt die Zeit mitsamt ihrer Wahrnehmung. Immerhin liegt das Gestern noch in guter Erinnerung, auch wenn das englische Wiedersehen in der Grafschaft Kent ein vielfältiges war: England mit seinen tapferen Bewohnern ist und bleibt Stärke und Schwäche durch die Insellage zugleich. Alles ist irgendwie eng und auf selbstverständliche Identitätswahrung hin angelegt, so selbstverständlich, dass das Majestätische, das England ja durchaus hat („Her Majesty“), immer und überall durchscheint, allerdings unaufdringlich. Es ließe sich mutmaßen, hier läge das britische Understatement begründet. Wobei dann der Gedanke nicht ferne liegt, dass das Weltreich gerade die Ausdehnung (und Überdehnung) dieses Understatements im geographischen Sinne war. Es ist schon schön zu bemerken: Vieles an alter Architektur, will sagen: Ruhm (der sich baulich bemerkbar macht), vieles an altem Stolz in England, Kleinstadt und Dorf und wo noch, ist verblüht, und doch anscheinend nicht vergangen.
"Rund um die Britischen Inseln" - Teil 4Und das Neue, das darauf aufruht, ist durchaus nicht in komischer Sphäre. Es ist handfest, wie ein Abbild des atlantischen Klimas mit heftigen Regengüssen aus rasch dahin gewehten Wolken, aber auch mit abgrenzenden Steinmauern, die wie Steinhaufen sind zwischen benachbarten Wiesen- und Feldparzellen, die das britisch-gesunde Verhältnis zum Prinzip des Eigentums anschaulich machen wie wohl nur wenig anderes.

Ohne Zahl sind im Übrigen die Stellen und Orte, an denen das schier unvermeidliche „Private“ oder „Private property“ prangt. Was mich gleich gestern, als diese Schilder in erheblicher Anzahl immer wieder vor mir auftauchten, gleich an unsere Versuche vor Jahrzehnten gemahnten, als jugendliche Rucksacktouristen im Freien zu nächtigen, wobei ein distinguierter Herr mit Schniepel und schwarzem Regenschirm erschien, von sich gebend, und zwar in hohen Tönen: „This is private property, you cannot sleep here.“ Alles Klischee? Alles Vorurteil?

Also England. Da ist Dover mit seinen Klippen („cliffs“), das wir gestern angelaufen und doch auch gleich wieder selbigen Tags hinter uns gelassen haben. Wehrhaftigkeit, praktischer Sinn und rau wehende Lüfte prägen das Gesamtbild.

"Rund um die Britischen Inseln" - Teil 4„Canterbury“, dessen Laut allein des Theologen sowie überhaupt des kulturell Interessierten Ohr aufhorchen lässt, Canterbury also erscheint als geistliches Zentrum des Anglikanismus wie ein größeres – pardon – Dorf mit ziemlich erhaltener Ummauerung; die ist allerdings schön, bewegend und Zeugnis ablegend von englischer Romantik des 19. Jahrhunderts, als Knight Ivenhoe & Co. und die Begeisterung dafür Gotisches sowie Spätmittelalterliches oder doch die Vorstellungen davon wiederaufleben machten. Viel Zinnenbekröntes, dessen gezackte Form allerdings nachträglich aufgesetzt wurde. Why not? Denn die Fundamente sind, wie so vieles auf der herrschaftlich-nüchternen Insel, echt, authentic und antik.

CanterburyEs waren ja die Römer, die hier wie an vielen anderen Orten Europas und weit darüber hinaus, hauptsächlich um das Mare nostrum, aber eben auch jenseits des Kanals gruben und befestigten, festlegten und, stets dies im Herzen: herrschten. Der Gedanke einer wie auch immer zu bestimmenden Wahlverwandtschaft zwischen zwei großen Imperien, dem römischen und dem britischen, liegt somit durchaus nahe.

Allerdings ist aus dem Neogothischen manches erschaffen worden, was an Kitsch erinnert. Was das sagenumwobene Wort Kitsch auf Englisch heißen würde, vermag man kaum zu sagen, am besten, man übernähme es schlichtweg als Lehnwort. Das Britische ist ja gerade ein großes Amalgam aus vielerlei Kulturen; auch dieses Prinzip selbst vom Römischen abgeschaut. Wie auch dem sei: Eine Erfahrung ist in sich immer doch ein Schicksal; so war es schaurig, vom Schicksal und Martyrium („martyrdom“) des heiligen Thomas Beckett im Canterbury des 13. Jahrhundert zu erfahren und just auf dem Ort zu stehen, an dem ihm der Schädel fürchterlich zerstoßen ward. Das aber sehr unritterlich; Ausfluss eines falsch verstandenen vorauseilenden Gehorsams, allein weil sich ein Herrscher (wohl einer der zahlreichen Heinrichte) in zahlreichen Andeutungen erging, sein Kentburger Archbishop falle ihm sehr auf die Nerven. Aber deshalb gleich zu Mordmitteln zu greifen? Beckett hingegen war ein Treuer. Er ließ in der Kathedrale die Türe hinter sich nicht verrammeln, als die Häscher im folgten. Etwas vom Bekenntnishaften, das im britischen Anglikanismus liegt, ist im Übrigen in den Audioguides zu hören, in denen selbst in der Übersetzung die realistische Stimme mit Freundlichkeit, allerdings auch mit Bestimmtheit höflich nachfragt, ob man nicht verweilen möchte an dieser Stätte („kneel down in prayer“). Da heißt es dann: „Warum nicht einmal sich setzen zum Gebet?“ Und die Lakonie, mit der dies auch in der Übertragung vorgebracht wird, erinnert an ein irgendwie steifes „Wouldn´t you like it with sugar“, also zum five o´clock tea …

An dieser Stelle ist einmal zu fragen: Wie aber ist dem hermeneutischen Zirkel zu begegnen, ein Land immer nur aus dem Auge des eigenen Vorurteils zu sehen, um das ohnehin schon vorurteilhaft Geschaute derart sich vervielfältigend wahrzunehmen? Wohl nur durch Aufsuchen möglichst vieler Stätten auf der Insel, emsiges Umkreisen des tieferen Geheimnisses britischer Beschaffenheit, ohne darüber gleichwohl in schwärmerisches Britischtümeln zu verfallen. Also hatte es sozusagen eine sehr innere Berechtigung, nachmittags, 4. August, uns auch noch nach Leeds in die regina castellorum respektive zum castellum reginarum chauffieren zu lassen. Nicht doch: kein Leeds in the northern part of England, vielmehr das Schloss im County Kent, das häufig herzuhalten hat als Hochzeitskulisse, zu dem grüne Rasen führen, schön gewellt in unaufdringlichem Herrschaftsanspruch, die ihrerseits an Golf erinnern (ebenfalls tatsächlich gleich benachbart). Das also der Englische Garten: nicht der französische des 18. Jahrhunderts, der gemäß dem Âge des Lumières (Enlightenment) scharfkantig daherkommt, sondern eben der des 19., der viel Raum für Kurven und rundliche Formen gibt, bezähmt allein durch eine gewisse Durchschlagskraft (Penetranz), was die Rasenpflege angeht.

Also: Leeds. Ein museogogisches little movie zeigt mit Nachdruck, wie oft und wie unterschiedlich das herrschaftliche Ensemble der Burg auf-, ab-, wiederauf- und neugebaut wurde. Es scheint, allein der Grund und das umgebende Wasser blieben sich in all der Zeit das gleiche. Eine Lady oder besser wohl Madame Baillie mit Herkünftigkeit aus den Vereinigten Staaten hat sich der Anlagen angenommen. Zuvor waren es Könige, die ihre Damen (daher „reginarum“) wiederholt mit der Immobilie beschenkten, Fürsten und irgendwelche Grafen. Zwar ist dies sehr eingängig ebenso auf einer Zeitleiste aufgeschrieben. Allein es verwirrt hier die Vielfalt der Jaköbe, Heinriche, Margareten, zumal vermischt mit herrschaftlichen Beziehungen weit hinüber über den Ärmelkanal. Hinter der Dame Bailleul, deren Jüngster erst vor 13 Jahren gestorben ist, stand viel Geld aus US-Geschäften mit Ölquellen. Ich glaube, es war Standard-Oil.

Englische Kultur zeigt sich in Leeds Castle at its best. Schwimmende vor allem schwarze Schwäne, viele geschmackvolle Wandbetuchungen. Ein Hauch und mehr von Evelyn Waughs „Wiedersehen in Brideshead“ macht sich breit. Man erinnere sich bloß der Verfilmung der untypischen Geschichte der katholischen Adelsfamilie während des Ersten Weltkriegs. Eine Hauskapelle ist in Leeds vorhanden, wenngleich die liebenswürdige Führerin – extremely british – leicht distanziert angibt, Madame von Leeds habe keinen eigentlichen religiösen Bezug gehabt, als sie die Kapelle einrichten ließ.

Mittlerweilen umzirkeln wir auf ruhigen Wellen und Wassern das Eiland im Nordwesten Europas auf dessen südlicher Seite. Die Skatrunde nebenan ist beendigt; der Muskelaufbau-Apparat mit den dicken Drahtzügen, der die Gewichte in die Horizontale umlegt, wird gerade von Herren, die russisch sprechen, repariert. Der Zug zum Mittagessen, heute etwas nach vorne verlegt, macht sich bemerkbar. Denn in Kürze legen wir schon wieder an. Es gilt Torquay und Exeter.

Zusammenfassung: England, wir kommen (schon wieder).

Veit Neumann (Alm)