„Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 5

06. August 2016

Ganz in England: Exeter und (zuvor) Agatha Christies Tanz-Pavillon

Ein Tenderboot bringt Passagiere vom Schiff an Land und kann gelegentlich im Wasser gehörig schaukeln: wie eine Nussschale. So zu erfahren während des Landganges am Freitagmittag, der zunächst nach Torquay führte, nach einem südwestenglischen Küstenbad, dessen lustiges Riesenrad gleich neben dem Hafenbecken weithin grüßt und wo sich im benachbart gelegenen Jugendstil-Tanzpavillon einstens auch Agatha Christie vergnügte. Riesenrad und Jugendstil-Pavillon: zunächst war man hingegen recht froh, dem im Wellengang tanzenden Schiffchen entstiegen oder gar entkommen zu sein.

Eigentlich sollte hier gar nicht so viel die Rede sein von Torquay (sprich „Toarkie“), sondern von Exeter, das einige Kilometer den River Exe entlang landeinwärts liegt. Auch und vor allem nach Exeter also richtete sich der Ausflug. Doch allein der ortsansässige Männerchor, der die erleichtert dem Schaukelabenteuer des Tenders Entstiegenen mit lauter Gesangsbeschallung ermunterte, war der berühmte Auftakt nach Maß, garniert mit dem handfesten Handschlag des Bürgermeisters der kleinen Hafenmetropole.

Torquay befreite uns außerdem von der Sorge, noch nicht ganz im richtigen, echten England angekommen zu sein. Eine übrigens ganz und gar unbegründete Sorge. In Dover, das wie ein vorgeschobener Posten Festlandseuropas erscheint, ist man sich dieser Tatsache nie ganz sicher. Natürlich ist Dover auch schon sehr englisch (wenn wir nur überhaupt zu sagen wüssten, wofür „englisch“ steht). Aber der Reisende ist, aus der Alltagswelt genommen, ohnehin verunsichert und klammert sich an manche Erklärung, die bei näherer Betrachtung im schalen Alltagslicht keineswegs erhellend wirkt. Jedenfalls mag es nicht zuletzt mit der fortschreitenden Anzahl der Tage in Verbindung zu sehen sein, dass wir uns sicher waren, richtig in England angelangt zu sein. Eventuell hatte auch die Erwähnung Agatha Christies in diese Richtung gewirkt. Denn was oder wer mag typischer sein für „die Englischen“ als die Erfinderin Miss Marples?

Beruhigend, dass womöglich nicht so sehr die USA der oft zitierte melting polt vulgo Schmelztiegel sind, in dem sich Kulturen vermengen, sondern, wenigstens ausgangsweise, England: Im Bus, der von schweigsamen englischen Chauffeuren mit blauen Krawatten sicher auf verschlungenen Küsten-Auf-und-Abs gesteuert wurde, stellte sich Anastasia Schill als unsere Führerin des Tages vor, die manch Insiderisches aus Devon zu berichten hatte. Frau Schill ist Russlanddeutsche. Und Devon ist, kurz sei es gesagt, das County mit dem Hauptort Exeter. Noch weiter westlich liegt dann nur noch Cornwall. Etymologisch betrachtet, dürfte es allerdings nichts mit einer „Getreidemauer“ zu tun haben. Vielmehr ist dies keltischen Ursprungs. Darauf möchte ich wetten. Anastasia ist in Plymouth verheiratet, wo sie eine gute neue Heimat gefunden hat.

Leben und Weben auf dem Kathdralplatz very english„Isca“ jedenfalls, teilte uns Anastasia Schill in ihrer neuen Heimat mit, sei der römische Name des Flusses in hiesiger Gegend. Ich gehe sehr auch von einem keltischen Ursprung dieses Flussnamens aus. Davon abgeleitet wiederum der Name des schmucken Exeter, in das hinein wir am gestrigen Tag durch lange Staus hindurch gequält wurden. Von „Exeter“ abgeleitet schließlich die Bezeichnung für die Einwohner der kathedralgekrönten und geographisch etwas abseits liegenden schönen Stadt, als „Exonians“ bezeichnet, die sich, wenn man den Darlegungen Frau Schills folgt, für irgendwie besser als die von Plymouth, der unweit liegenden Konkurrenzstadt, halten. Plymouth, wo sie mit ihrem Mann lebt, liegt in Cornwall. Genannt werden diese Plymouther korrekt „Plymonians“, war nun zu erfahren. Exeter wurde übrigens wie auch Canterbury Opfer schrecklichter german airraids, und das 1942, Angeblich wie Canterbury als Vergeltung für Bombardements in Köln dieses, Exeter, für Lübeck. Doch lieber zurück zu Jugendstil-Tanzpavillon Agatha Christies und, long long ago: zu den Römern, die auch schon hier waren.

Mauern in Exeter mit Führerin Anastasia SchillDicke Mauern noch vor dem Zugang zur mittelalterlichen Ringstadt säumen den Anweg Exeters. Man erahnt, wie sich die Römer am River Exe bauender Weise Herrschaft bahnten und brachen. Bauen ist mehr als ein Aufeinanderschichten von Steinen, nämlich eine sichtbare Form von Herrschaft. Vom britischen Realismus, will sagen: Pragmatismus hatten wir es in den vorliegenden Reisedarlegungen unlängst. Es ist überaus interessant zu sehen, wie sich römischer Wille zur Herrschaft, von Realismus gesättigt und dann grausam, wenn es nötig erschien (vgl. Lion Feuchtwanger, Der Jüdische Krieg), wie sich römische Herrschaft und britischer Pragmatismus in eins setzen. Lokal lässt sich dies gerade an den Steinen Exeters ablesen. Gekrönt aber wird die Stadt mit dem echten Juwel der Kathedrale St. Peter, die für ihre Schönheit ein ziemlich unbekanntes Dasein führt. Umso besser.

Most lovely Exeter Cathedral von außen leicht unterschätztDiese Kathedrale stellt sich wunderschön renoviert vor. Ihre mit Heiligen verzierte Westfassade strebt weniger empor denn üblich. Das wirkt, als wollte die Kathedrale die Sandsteine vor dem atlantischen Klima mit seinen Auswaschungsverregnungen nach Möglichkeit bewahren. Und die beinahe 100 Meter Kreuzrippengewölbe an der Decke sind einfach – nein. Schreiben wir hier nicht unbeschreiblich: Aber sie sind ein ästhetischer Lichtblick in dem doch insgesamt ländlich-engen und zugewachsen-zugestellten England. Das mag außerdem mit dem wunderhübschen Kathedralplatz in Zusammenhang zu sehen sein. Er wirkt wie herrschaftsfrei, viel Rasen macht ihn aus und verschafft dem Betrachter Luft. Die benachbarten spätmittelalterlichen oder jedenfalls sehr historischen Häuser, die die german Luftwaffe stehen ließ, erinnern an Shakespeares Stratford upon Avon. Nicht so sehr Metropolen wie allen voran London, dann Manchester, Liverpool und Leeds machen das Land zu dem, was es ist, sondern vielmehr sind Städte wie das hier in Rede stehende Exeter the country´s backbone …

Das Gewölbe im Spiegel einer pragmatischen Einrichtung britsh realismEnglischer pragmatism allenthalben, um ein letztes Mal auf Exeter cathedral zurückzukommen: Zwei Wägelchen stehen zwischen den Reihen von Bänken mitten im Gang des Mittelschiffs und stellen, horizontal aufgesetzt, abgeschrägte Spiegel für den Blick in die Höhe zur Verfügung. Diese dienen nämlich dazu, die Nacken zu schonen, wenn man enthusiasmiert die gerippten Gewölbe betrachtet. Außerdem vergrößern sie das Geschaute erheblich. Solch eine praktische Sehvorrichtung ist very british, oder? Mag sein. Nochmals wäre dann trotzdem zu fragen: Was ist das eigentlich, very british? Gerade hält Herr Karlheinz Hermanns seine Ansprache zum guten Morgen. Wir erfahren, dass wir zwischen Land´s End und der Isle of Scilly vorüberziehen. Ein frühes farewell to England? Nein, wir kommen wieder, schon in wenigen Tagen. Vielleicht ist uns, nach irischen sowie schottischen Erfahrungen, dann schon klarer, wofür „very british“ oder doch wenigstens „british“ steht.

Veit Neumann (Alm)