„Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 6

07. August 2016

Irland: gälische Kultur, die sich untergründig behauptet (hat)

Die CV-Schiffsreise in der bewährten Kooperation mit „Biblische Reisen“ hat viele Höhepunkte. Bald ist schon wieder „Bergfest“ – die Hälfte somit erreicht und (v)erlebt – und doch liegt eine besondere Erwartung in der Luft, als die in die Ferne spähenden Blicke der Reisenden von Bord des MS Hamburg aus Irlands Küsten berühren. Man hat in den abgelaufenen Stunden wieder einmal und einmal mehr einen Eindruck bekommen, welche Entfernungen hier über die unendlichen Wassermengen hinweg zu bewältigen sind; und, daraus folgend, wie stark von der Seefahrt überhaupt, von Küsten, Stürmen, Schiffen und Fischerei Großbritannien geprägt sein muss.

An die Abmeldungsprozedur beim Verlassen des Schiffes haben wir uns schon gewöhnt. In den Fluren bilden sich zwar lange Schlagen, in denen die Leute aber nur kurze Zeit warten müssen, bis alle Ausstiegslustigen ihr Bordkärtchen dem adretten jungen Herrn zur Aus-Registrierung hingehalten haben, der sie demnach mit einem Pieps ausliest. Der Ausstiegssteg erscheint solide. Die Busse warten längst. Immer wieder dann, wenn die Fahrzeuge losbrummen, um Teil des jeweiligen Stadtverkehrs zu werden, tauchen die Reiseteilnehmer in eine neue Welt. Hinweise geben per Mikrophon kundig diverse Reiseführer, die sich um die Aufschließung der bevorstehenden neuen Sphären nach Kräften und sehr mit Einfühlsamkeit bemühen.

Zu neuen Ufern aufbrechen, danach stand am gestrigen Vormittag, Sonntag, die Lust. Bereits am Vorabend, Samstagabend, war an Bord in der „Lounge“ eine ökumenische Andacht abgehalten worden. Der evangelische Pfarrer Jörg Seyfried hatte Worte zur Predigt gefunden, die sich an die Gottesdienstgemeinde richteten. Etwa ging es um Vertrauen – wie oft im Leben müssen wir nicht sehr grundlegendes Vertrauen haben? – und auch darum, einmal entspannen zu dürfen. Der Pfarrer bekannte ein, selbst Schwabe zu sein, also von dort zu kommen, wo man gerne schafft und Häusle baut. Trotzdem: Auch einmal entspannen, sich Entspannung gönnen. Soweit ein wichtiger Teil seiner Botschaft.

Auch Reisen, neue Welten kennen lernen und andere Welten erleben, kann entspannend sein; wenn auch im konkreten Fall während der Abendessen die Kreuzfahrenden vielmehr Abspannung befällt. Aber das wirklich – an dieser Stelle sei es gerne einmal gesagt – opulente und exzellente Abendessen erhält in diesen Momenten aufrecht. Mit einem Wort: Es mundet! So gestärkt jedenfalls durch allzeit hervorragende Speisen wie am Sonntagmorgen und durch den Zuspruch von Ermutigung am Vorabend, derart gestärkt also ging es an den Dubliner Docks vorbei Richtung Zentrum der irisch geprägten Hauptstadt gleichnamigen Landes. Bitte? Wie denn sonst als „irisch“?, mag man berechtigt einwenden. Allerdings ist hier irisch gemeint als Kultur, in deren Grund das Keltische nicht nur schlummert, sondern wirkt, wenn auch das Englische die Alleen und Promenaden beherrscht, aber an der Oberfläche.

Stadthäuser in DublinDer Umgang mit der kolonial-englischen Vergangenheit an Ort und Stelle hat Irland im Innersten geprägt. Zum Vergleich denke ich an die Abstoßungsreaktionen in kulturellen Räumen in mehreren Ländern auf dem Balkan heute, westlich des vormaligen Osmanischen Reiches. Die Osmanen hatten dort jahrhundertelange ihr (Un)Wesen getrieben und vielerlei unerwünschte Prägungen hinterlasseb. Ist es so nicht auch mit dem Britischen in Éire, wie Irland „eigentlich“ heißt und sich nennt? Gaeilge, die gälische Sprache Irlands, verdoppelt alle Schilder des öffentlichen Lebens und darüber hinaus. Es steht häufig genug vor dem Englischen. Es ist, als lese man Ungarisch neben dem Deutschen, eine scheinbar sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben, von denen man doch weiß, dass sich einem allein aufgrund der eigenen Unkenntnis der Sinn nicht erschließt. Sprachverwandtschaftliche Beziehungen lassen sich in Einzelfällen erahnen oder erraten. Schon „Dublin“ nennt sich hier gänzlich anders: Baile Átha Cliath. Gut zu wissen. Schon das Englische in der Aussprache, in der es einem Biblisch-Reisenden an Ort und Stelle hier konkret entgegentritt, ist anders als in England. Man muss genauer hinhören, hört sich jedoch bald ein, um es sofort zu verstehen. Schöner Schnörkel: Allerseits wird man begrüßt mit den frohen Worten „Hi guys“. Es geht unformeller zu. Spontan, praktisch und vom Klima des Atlantik geprägt, ist die Lebensbewältigung.

Google inc. hat gleich hinter dem Hafen seine Europa- und Afrika-Headquarters aufgeschlagen. Unter solchen modernen Entwicklungen wirkt viel Literarisches: James Joyce wird immer wieder herbei zitiert („Ulysses“); auch Oscar Wilde, der am Eintritt zum Stadtpark als Figur eines künstlerischen Ensembles herum lümmelt; natürlich Samuel Beckett, der womöglich noch immer auf Godot wartet. „Godot“ gilt, nebenbei bemerkt, auch als Leerstelle für „Gott“, wobei der doch die Grüne Insel keinesfalls verlassen zu haben scheint. Immerhin sandte er den heiligen Patrick, den „irischen Franziskus“, der in Orantenhaltung einen Vogel auf die eine Hand sich setzen bemerkte; ihn aber nicht abschüttelt, sondern sein Nest bauen lässt und so weiter. Der heilige Patrick vereint viel Irisches, vor allem das, was seinem eigenen Wirken dann bedauerlicherweise folgen sollte: der Clash englischen Herrschaftswillens mit dem friedlichen Gewese des Iren. Ich weiß, es war alles etwas komplizierter, viel Hin und Her, auch Ausgleichsversuche. Dennoch ist das Gebrochene im irischen Dasein, die nicht immer sichtbare, wohl aber stets spürbare zitternde Plattentektonik auf der Grünen Insel nicht zuletzt von der britischen Suprematie geprägt.

Die konziliante Führerin mag in St. Patrick schon richtig liegen, wenn sie auf Hugenotten verweist, deren Zehntausende das Land im 16. Jahrhundert aufnahm, und deren beste junge Herren die Katholiken bei ihrem Kampf um Freiheit einst gegen die Englischen nicht nur unterstützten, sondern dabei auch ihr eigenes Leben ließen. Und doch: Wer nur ein wenig an der Oberfläche kratzt, erfährt die jahrhundertelange brutale Unterdrückung der Unbotmäßigen, der Katholiken, durch englisches Joch. Die „Römischen“ entwickelten auch deshalb einen wohl nur noch dem polnischen vergleichbaren Volkskatholizismus, gegen den auf Dauer nicht beizukommen war – aus englischer Perspektive gesprochen. Sie waren die Underdogs, was heute mit liebenswürdigen und irenischen Worten vorgestellt wird. Wie in Siebenbürgen, wo die national-rumänische Orthodoxie die Ausschaltung der Unierten ergeben hinnahm und vor allem deren vormaligen Kirchen nutzte und nutzt bis heute, so ähnlich trug und trägt es sich bis heute in Éire zu, wo die Kathedrale der Erzdiözese in Dublin den Titel der „Pro-Cathedral“ trägt (in Erinnerung an St. Patricks), in einer Nebenstraße zur Hauptachse hingehuscht. Aber eine Kathedrale ist sie nicht; da mag Most Reverend Jonathan Swift seinen Anglikanismus durchaus kritisch gesehen haben. Auch das ist Irland, wenn auch Vergangenheit. Wo indes würde Vergangenheit mehr leben als in Irland?

St PatrickWomit wir ja praktischerweise schon bei St. Patrick, der geistlichen Mutterkirche des Christentums in Irland angelangt sind. Wie bereits in den anglikanischen Kathedralen von Canterbury und Exeter geht es auch hier zu wie – mit Bedauern und Verlaub gesagt – in einer Bahnhofsvorhalle. Der Stil der Gotik ist hier allerdings gedrungener ausgeführt, rauer, geduckter, aber nicht weniger substantiell. Dann der Evensong, an dem wir Biblisch-Reisende die Ehre haben teilzunehmen:

St PatrickEs treibt einem buchstäblich die Tränen ins Auge, als der Altardienst zusamt Sängern gemessen in diesen Vespergottesdienst einschreitet. Polyphonie auf wahrlich und wirklich allerhöchstem Niveau; und wer müde von den Gedanken an Swift, irischen Befreiungskämpfe (ab 1916 insbesondere), Guinness, Ziegelsteinbauten (wie auch in New York in den lower areas …) und Wollprodukten, aufgestapelt in Schaufenstern, zu Preisen zu haben, die ein Viertel des deutschen Preises sind, vor sich hin döst, die Göttlichkeit der Musica auf sich wirken lässt und schließlich entschlummert, der hat womöglich etwas vom Gaelischen in seiner Realitätsbewältigung in sich einfließen lassen: dankbare Hinnahme der Wirklichkeit als Geschenk und nicht, wie „dem“ Engländer entgegengesetzter Weise zu unterstellen wäre, Herrschaftsstreben, um seine Ruhe zu gewinnen, die er ohnehin nie haben wird.

Bibliothek des Trinity CollegeGälisch heißt das Buch „leabher“. Der indoeuropäische Weg zum lateinischen „Liber“ ist kurz. Das Book of Kells, wie es offiziell heißt, ist ein gewaltiges Stück Kultur keltischen Ursprungs, das in Form einiger weniger Seiten in großer Abdunkelung unter dickem Sicherheitsglas im „Trinity College“ zu bewundern ist. Zu bewundern war. Denn längst haben wir Dublin, um wie viel zu kurz war die Zeit!, hinter uns gelassen; haben am Sonntagabend ein letztes Mal Daniel Paterok, den schaukelnden Pianisten im Palmgarten an Bord bei seinen boogie-woogie-mäßigen und auch sonstigen Darbietungen gelauscht. Er ist gerade von Bord gegangen. Einstweilen ziehen die Lastenschiffe vor unserem Rundfenster im Belfaster Hafen vorüber.

Veit Neumann (Alm)