„Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 7

08.August 2016

Belfast und der hohe Wellengang

Es gibt Städte, die durch einen Konflikt oder eine historische Last weltweit bekannt sind. Zu denken ist etwa an die dunkle Seite Bayreuths.

Unionisten haben ihr Haus bekenntnismäßig ausgestattetKann man einen Blog-Beitrag über das nordirische Belfast schreiben, ohne ausführlicher auf die Jahrzehnte währenden Auseinandersetzungen zwischen Unionisten und Nationalisten, Protestanten und Katholiken einzugehen? Kaum. Allein diese vier genannten Gruppenbezeichnungen sind hier problematisch, da sie allenfalls für Grundprobleme stehen sowie für Interessenlagen. In den verschiedenen Bussen, in denen wir in Gruppen ab der MS Hamburg durch die nordirische Hauptstadt (kleiner als Nürnberg!) gefahren wurden, gingen die Führer unterschiedlich deutlich auf diesen Konflikt ein. Derzeit scheint er demnach pazifiziert, wenigstens gezügelt. Ob die Probleme gelöst sind, darf – so glaube ich – bezweifelt werden. Bestehen sie unter der Oberfläche weiter, würden sie unter anderen Umständen erneut aufbrechen.

Die Crown Bar ist die bekannteste Bar in BelfastSchon in Sichtweite des Hafens Belfast (wo auch noch die „Titanic“ gebaut wurde) beginnen die Viertel, in denen die Demonstrationen das Land immer wieder an den Rand des Bürgerkriegs gebracht haben. Zwei Dinge stechen hier ins Auge: die typischen kleinen Reihenhäuser, in denen durchaus keine reichen Menschen wohnen. Und: Die Abgrenzungen, Nationalflaggen, Absperrungen, Zäune und Darstellungen an den Hauswänden prägen ganze Straßenzüge.

Unserer Führerin war es nicht darum zu tun, über die massiven Konflikte zu sprechen. Eine touristische Führerin lässt es sich schließlich angelegen sein, die Stadt, ihre Stadt in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. Was das politische Problem Nordirlands betrifft, so scheint derzeit Ruhe eingekehrt. Aber wenn sich die Mehrheitsverhältnisse ändern? Der anstehende Brexit, der auch Nordirland betrifft, macht die Dinge nicht einfacher.

Das Museum der Titanic ruft ein Zitat des Luxusdampfers ab der hier gebaut wurdeDann die Titanic: außer Docks, überdimensioniert scheinenden Kränen und einer interessanten Architektur des dazugehörigen Museums ist von ihr nichts zu sehen. Allerdings prägt das Bewusstsein die Gegend, dass hier der Stahlkoloss (zusammen mit zwei weiteren) gebaut wurde, der im Übrigen in den Kolloquien Lodovico Settembrinis mit Leo Naphta in Thomas Manns „Zauberberg“ als Symbol menschlicher Hybris gelobt beziehungsweise abgelehnt wird. Wir halten uns den heutigen Tag – Belfast war schon gestern – wie auch die ganzen Tage lange Stunden auf Schiff auf, und nicht nur mir dürfte öfter der Gedanke gekommen sein, wie verschlingend unergründlich, ja bedrohlich diese unendlichen Wassermassen sind, die uns umgeben – und wie schwach dagegen ein Schiff, entstanden aus menschlicher Konstruktionskunst, erscheint. In Belfast wird nicht mehr konstruiert und gebaut, sondern überholt und auf Vordermann gebracht. Unglaublich der Gedanke, dass das als unsinkbar Geltende tausende Kilometer von hier entfernt vier Kilometer tief auf dem Boden des Ozeans schlummert, zerbrochen in zwei Teile.

Das Parlament Nordirlands umgeben von gepflegtestem RasenBelfasts Zentrum erscheint gegenüber Dublin als aufwühlender, disparater, gedrängter, unsicherer. Alles ist gestauchter, ungemütlicher. In der Anmutung ist Dublin seinerseits freier, gleichzeitig auch selbständiger. Nordirlands Parlament wirkt gentlemanlike, umgeben von perfekt gepflegtem Rasen, am Rande der Stadt, über dem Land auf einem Hügel. Als könnte man dem Problem des Nationalismus durch gepflegte Manieren Herr werden (zumal wenn man selbst nicht die besten Manieren an den Tag legt)! Irlands Parlament dagegen ist Teil des Zentrums Dublins – es liegt mittendrin, wirkt wie schicksalsergeben … Aber zurück nach Belfast:

Die Queens University Belfast vereint Wissenschaft und ästhetischen Bau bereits in der HauptfassadeDie Queens University Belfast schließt sich wenige hundert Meter ans Zentrum an. Hier, am Hauptgebäude der Universität mit seinem 19.-Jahrhundert-Backstein-Stil, trifft die englisch inspirierte Bildungsarchitektur zu: Ästhetik zeigt Anspruch und Struktur von Bildung, und das versinnbildlicht und eröffnet Weite.
Längst aber liegt die Insel mit Éire, Dublin, Belfast, Nordirland hinter uns. Nach durchschaukelter Nacht – Säckchen wurden allenthalben an den Geländern der Treppenanlagen im Schiff befestigt; soweit gesehen, aber nicht benötigt – haben wir die ruhigen Gewässer zwischen den Äußeren und den Inneren Hebriden durchfahren, froh über ruhiges Wasser. Immer weiter geht es nun Richtung Norden. Majestätisch hebt sich der Bug schon wieder auf und ab. Wird die kommende Nacht erneut geprägt sein von bewegtem Wellengang?

Veit Neumann (Alm)