„Rund um die Britischen Inseln“- Teil 8

10.August 2016

Wo Queen Mum urlaubte / Wie die Crew in Wirklichkeit ist / Langsam winkt der Abschied

Schottland: Ganz im NordenZu sehen waren schon die Umrisse der Orkney-Inseln. Allerdings fühlten wir uns auch so bereits ziemlich weit im Norden, und zwar am nördlichsten Eck der schottischen Land- bzw. Inselmasse. Man landet bei Scrabster an, und kaum ist der Hafen verlassen, zeigt sich ein ungeahnter Charme. Gewiss ist hier nicht das Zentrum Europas, doch ist hier ein eigener Charme zu erleben: Klippen und Weiden soweit das Auge reicht. Dazwischen Häuser und Häuschen und Hütten auf dem Land; auch zerfallene. Allerdings ist das Ganze nichts für Romantiker. Denn in die Sehnsuchtsferne schweifender Stil findet sich hier an keinem Ort. Oder doch? Davon gleich mehr.

Zwischen den HebridenEinstweilen sitzt man also im Bus, eine Rheinländerin hat die Führung am Mikrophon neben dem wie immer stummen, aber sehr zuverlässigen und überhaupt völlig korrekten Chauffeur übernommen. Man sitzt und schwankt innerlich noch vor sich hin. Die heftig erregte See hatte einen nächtens im Bett hin und her geschoben. Dann war die Durchfahrt zwischen den Äußeren und Inneren Hebriden erfolgt, wo die Wasser ruhig waren und flach wie das sprichwörtliche Bügelbrett. Erleichterung. Aber nicht lange, denn kaum waren die Hebriden (englisch sprich „Hebridies“, also nicht „Hibraids“; selbst Engländer sind über die außerordentliche Aussprache immer wieder erstaunt), kaum waren diese Hebriden verlassen, hob und senkte es uns neuerlich heftig auf und ab.

Castle of Mey: Wo die Queen Mum urlaubteUmso schöner die Freude, nach Hafen, Cliffs und Weiden bei etwas sehr Geschmackvollem angelangt zu sein: dem Castle of Mey, unweit von John O´Groats, an der Nord-Ost-Ecke der großen schottischen Landinsel. Hier urlaubte Queen Mum stets im August und Oktober. Überraschend war es zu erfahren, dass am Tage vor uns erst Prince Charles der Ewige hier weilte. Alles ist hier wie auch sonst im Lande gepflegt und praktisch angelegt, weiterhin gibt es viele Schilder, die auf den „private“-Charakter der jeweiligen Parzelle verweisen.

Ganze Tage wären zuzubringen gewesen, um die sicherlich bewegte Geschichte des Castle of Mey eingehend zu studieren. Hier soll es genügen anzuzeigen, dass es einfach, praktisch und herrschaftlich, allerdings mit geziemendem Understatement eingerichtet ist. Den Begriff sollte man nicht so schnell gebrauchen, hier aber ist er angebracht: Der Blick von dem königlichen Anwesen (jetzt in der Hand eines Trust) über den extrem gepflegten grünen Rasen hin auf die benachbarte See ist schlicht: genial. Und in unserem Falle spielte das Wetter einfach immer und so auch dieses Mal mit; als hätten die „Biblischen Reisen“ es per Knopfdruck oder sonstige Beziehungen bestellt.

So also hier strahlend blauer Himmel, viel grüner Rasen und altes, wenn auch romantisch aufgehübschtes Gemäuer, das Salons, Aufgänge, Kammern und Schlafzimmer offenbarte; dazwischen auch ein Auf und Ab per Wendeltreppe. Beeindruckt waren viele von uns Reisenden, wie fit oder immerhin agil Queen Mum bis ins höchste Alter gewesen sein muss. Kurzum: eine irgendwie englisch eingeschlagene Idylle in den äußersten Sphären des schottischen Festlandes. „Festland“ wäre hier im Übrigen in Anführung zu halten, da Schottland ja gar keine Landmasse ist, vielmehr ein Fortsatz, wenn auch ein beachtlicher der Britischen Inseln ist, die ihrerseits auf ihrer splendiden Isolation bestehen …

Wie die Menschen hier bzw. der hiesige Menschenschlag ist und sind? Die Rheinländerin vertraute uns an, hier gebe es nur wenig Neues (was Wunder!). Umso mehr zeigen sich Nachbarn in der Gegend gegenüber Neueinziehenden interessiert an deren Leben und Weben, interessiert und neugierig. Der Queen Mum gegenüber, wurde wiederholt versichert, waren sie stets wohlwollend. Auch die Queen selbst habe häufig das Gespräch mit ihren Untertanen dort gesucht. Eine geglückte Symbiose, die bis heute nachwirkt. Die Bilder dieser Besuche in benachbarten Dörfern bis in ihr höchstes Alter finden sich in der herrschaftlichen Küche ausgestellt.

Wir sahen Leuchttürme an den Ufern („lighthouses“), auch sie stumme Zeugen davon, wie auch hier die Zeit an vielem vorübergegangen ist. Am Abend dann an Bord gab es ebenfalls Zeichen einer geglückten Symbiose, diesmal an Bord der MS Hamburg. Und viel Atmosphärisches spricht dafür, dass dieses Miteinander tatsächlich auch so besteht bzw. bestanden haben wird. Ich schreibe nun schon in der Form der Vergangenheit, da wir nunmehr nur noch einmal durch die Nordsee tuckern müssen, um Bremerhaven, den Ort unseres Ausgangs, zu erreichen. Was uns an dieses erlebte Miteinander an Bord und somit schon ein wenig an Abschied erinnerte, war aber Folgendes: Es gab eine eigene Show der Crew mit unvermuteten Einlagen szenischer sowie musikalischer Natur der Bedienstetenschaft, die, wie Kreuzfahrtdirektor Peter Schulze Isfort versicherte, unvermutete Talente offenbarte. Und es zeigten sich Talente nicht zu knapp.

Von „Dionysischem“ hier zu schreiben, das die Verhältnisse auf den Kopf gestellt hätte, würde den Bogen überspannen und die Wirklichkeit verzeichnen. Aber der bereits in der Vergangenheit bei Reisen immer wieder zu Tage getretene Effekt, den Vorhang einmal über dem Wesen der sonst allein dienstbaren Geister gehoben zu bekommen, verfehlte auch hier seine Wirkung nicht. Es war, um es kurz zu machen, ganz im Stile einer Vorführung, dass guter Geist, gute Atmosphäre auf einem Schiff nicht (nur) eine Frage der Bezahlung sind, sondern auch des Geistes, der herrscht. Danach zu urteilen, gibt es ein gutes Miteinander, dass der Herr Kreuzfahrtdirektor organisiert: „Olga von der Wolga“ zeigte sich als vielfarbig zigeunerhafte Tänzerin, übrigens sehr sympathisch und mit selbstgenähtem Kleide.

Schweinchen aus Kürbis an BordNicht zu vergessen ist der Herr aus Indien, der sich an Bord üblicherweise fürs Obst- und Gemüse-Carving verantwortlich zeigt und der diesmal einfühlsam zum Reggae trommelte, vorrangig und an allererster Stelle allerdings auch sang dazu (mit leichtem Schwermut).

 

 

Show der Crew: Prinzessin SashaGanz abschließend dann noch die agile Sasha aus der Gegend um Odessa, die sich mit einem weiteren flotten Herren zu einem schmachtenden Liebesduett vereinte.
„Unsere Prinzessin Sasha“, so Alleinunterhalter Pavel am Keyboard im Palmgarten zu späterer Stunde“, habe zuvor Deutsch und Gesang studiert, stellte Kreuzfahrtdirektor Schulze-Isfort (aus Havixbeck bei Münster) sie vor, bevor die Begeisterung eine weitere durchgeführte Darbietung ihr entlockte.

Die „Show“, die weit mehr war als ein Verlegenheitspotpourri, sondern eine kleine, in sich ruhende Gala, die viel Menschliches in sich trug, war allerdings nicht zuletzt der Hinweis auf nahenden Abschied, da es die Crew nun einmal unternommen hatte, von sich selber zu erzählen und durch eine unerwartete Verfremdung des Kreuzfahrtgeschehens hin- und überhaupt erst wieder sanft zurückzulenken in Richtung Wirklichkeit. Allerdings galt zuvor noch, bevor sich die Ausschiffung vollzog, Besuch in Edinburgh und Durham. Doch eins nach dem anderen.

Veit Neumann (Alm)