„Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 9

11. August 2016

Edinburgh: anregende Kulturstadt europäischer Prägung

Edinburgh: Firth of ForthEdinburgh ist Schottlands Hauptstadt und eine tolle Stadt dazu. Kultur ist ja gerade nicht dazu da, um mit ihr zu strotzen. Wäre sie es, könnte man schreiben: Edinburgh strotzt mit und von und vor und vor lauter Kultur. Tatsächlich prägt Kultur diese Schöne an dem Firth of Forth, wobei wir bereits während einer Führung der vergangenen Tage zuvor gehört hatten, dass ein „firth“ auf British English (BE) ein „estuary“ sei – eine Flussmündung. Allerdings hatte es an der Südküste Englands weder firth noch estuary geheißen, sondern, noch in Ortsnamen wie Portsmouth und Plymouth zu erfahren, „mouth“. Also Mund, und auch so wieder: Mündung.

Whisky Houses in EdinburghWie auch immer Mündung: Über den firth of forth, neben dem unsere MS Hamburg festgemacht hat, führt eine mächtige Brücke, daneben entsteht gerade bis 2017 die nächste solche Brücke; mit sehr kühn in die Luft ragenden Straßenstücken, die erst noch miteinander zu verbinden sind. Von diesen Brücken aus sind es noch reichlich 10 Meilen bis ins Zentrum Edinburghs (ca. 16 Kilometer). Die Straßen dorthin säumen die echten schottischen Bungalows, erklärt uns die Führerin. Dabei erfahren wir, dass das Wort Bungalow indischen Ursprungs ist. Zur Linken wie zur Rechten dann auch einige Eliteschulen. „Harry Potter“ scheint in den Bildungskanon eingegangen zu sein; mindestens ist das wohl Meinung in der Zunft der Fremdenführer, denn immer wieder, auch hier, werden während der „guided tours“ Parallelen zu der genannten Welt gezogen. Also: Das College sehe demnach aus wie dasjenige, dem der Zauberknabe zugehört(e). Interessanter ist da allerdings schon der Hinweis, dass man hier als Neuzugezogener oder überhaupt als Mitglied der Gesellschaft häufig vorneweg gefragt werde, wo man in die Schule gegangen sei oder die eigenen Kinder dies tun würden – denn das sei der Ausweis für gesellschaftlichen Status.

Burg von EdinburghAber von Überlegungen zur gesellschaftlichen Geltung zurück nach Edinburgh, das in eine Altstadt mit Burg auf dem Berg und eine Neustadt eingeteilt ist; wobei auch diese Neustadt, wie so oft in Deutschland, eine alte Neustadt oder eben nur relativ jüngere Neustadt gegenüber der Altstadt ist. Es ist sowohl in der Alt- wie auch in der Neustadt ein bemerkenswertes Vielerlei und Gewusel aus kulturellen Objektivationen, schöpferischen Leistungen, festzustellen; womöglich ist dies auch gar nicht so sehr die Architektur verschiedenster Kirchen und Institutionen als da sind Museen, Galerien etc., sondern der Umgang mit der Substanz insgesamt, der dem Betrachter bald zu Bewusstsein kommt. Wie auch immer diese Vielfalt an Kultur in Edinburgh zu definieren wäre: Es hat viel Achtsames an sich, wie hier mit Kultur umgegangen wird; und alles andere als Knausertum!

Wirtshausschild in EdinburghFür die zahlreichen Interessierten ist eine große Tribüne auf dem Vorhof der Burg oberhalb der Stadt errichtet worden, wo der Military Tattoo in den Sommermonaten vorgeführt wird; ein absolutes Must, wie mehrfach versichert wird. Aber auch in der George Street wie auch in der Princess Street „unten“ zeigen sich Kultur und Kommerz verträglich, sogar versöhnlich vereint. Stichwort: Jenners (House of Fraser) – ein sehr geschmackvoll wirkender Einkaufstempel, dessen Interieur an Jugendstil erinnert. Es ist einfach schön, mit viel Lust für das Auge versehen. Und just gegenüber in der Scotish National Gallery wird Höchstkarätiges gezeigt: Charles François Daubigny, Vorläufer und Inspirator der Impressionisten Claude Monet und Vincent van Gogh, Daubigny as landscapist und studio boat inventor … Man lernt, dass sein Modell des Malerbootes bei den Nachkommenden Schule gemacht habe; Staffelei an Bord, Canvasses, Verpflegung und Rotwein nicht zu knapp … das haben Monet und wohl doch van Gogh auch sehr gerne übernommen. Wir finden uns mitten in Europa. Die Ausstellung ist sagenhaft und es verlohnte sich, allein ihretwegen in Kürze wiederzukehren.

Telefonhäuschen in EdinburghSchottland also ganz anders als Geiz und Dudelsack! Womöglich wirkt das benachbarte mächtige England e contrario auf Edinburgh belebend? Ein gewisses Konkurrenzmodell gibt es ja Punkto Konfession: Geht im Anglikanismus alles Maßgebliche vom weltlichen Herrscher, dem britischen Oberhaupt aus, so habe dieser oder, derzeit, diese im schottischen Presbyteranismus nichts zu melden, wie unsere Führerin noch im Bus versichert. Der Presbyeranismus kennt nicht einmal Bischöfe, heißt es! Ob er deshalb schon „Demokratie“ ist? Eher nicht.

Während solche Überlegungen im Bus zu vernehmen sind, läuft in den zahlreichen Textilienläden, sei es in der Neustadt, sei es in der Altstadt, ein schwungvoller Handel mit „Handwoven from the outer Hebridies“, in Deutschland eher bekannt als „Harris Tweed“; nicht nur in Form von Jacketts, sondern als Scalfs und in vielerlei Decken. Die Preise wirken anregend, teilweise ein Viertel dessen, was in Deutschland dafür verlangt wird.

Edinburgh in der Zusammenfassung: Man hat den Eindruck, es herrsche ein friedvolles – auch innerlich akzeptables und akzeptiertes – Miteinander mit dem von hier aus gesehen südlich liegenden England. Hin und wieder weht der Union Jack, oder Teile davon auch in Edinburgh, mit dem schottischen Andreaskreuz und mit dem marianischen Sternenkranz der Europäischen Union in Reichweite. Der EU-Flagge benachbart wie lange noch? Was den Brexit angeht, haben alle davon Betroffenen, die uns in diesen Tagen begegnen, übrigens auch in Schottland, sich sehr deutlich dagegen ausgesprochen. Natürlich waren darunter zahlreiche Personen, die am Tourismus verdienen und kein Interesse haben, dass sich Großbritannien entfernt. Trotzdem scheint es glaubhaft, dass diesbezüglich insgesamt weitere Ernüchterung eingekehrt ist. Auch weiß man ja gar nicht, wie der Brexit vollzogen werden soll.

Ein lustiger Schotte, der uns in der typisch schwarzen Taxi-Kleinlimousine zurück über die mächtige Brücke am Firth of Forth bringt (und der sich als Halbdeutscher eröffnet, da seine Mutter Deutsche ist; er spricht sehr gut!), dieser lustige Schotte also sagt, der Brexit werde ohnehin nie stattfinden. Behält er recht? Edinburgh wird so und so eine kulturell anregende Stadt europäischer Dimension bleiben.

Veit Neumann (Alm)