„Rund um die Britischen Inseln“ – Teil 10

12.August 2016

Durham: Eng und doch breit-bequem, wie eben das ganze Land

Unser Schiff MS HamburgNach Dublin mit St. Patrick, Belfast mit der Titanic, den Inneren und den Äußeren Hebriden mit ihrem ruhigen Seegang, nach der Nordspitze des schottischen Festlands mit dem Castle of Mey, schließlich nach Edinburgh mit seiner Burg und dem Military Tattoo lässt sich das Bequem-Englische, das die Inseln auf unterschiedliche Weise prägt, ausgesprochen gut in Durham erfahren. Das Bequem-Englische? Wir sind also auch konkret wieder in England angekommen, sozusagen zu einem Abschiedsbesuch. Wir haben die Britischen Inseln zum größten Teil umrundet, wie der Titel der (CV-)Reise es ja auch verheißen hatte. Durham nun im Nordosten, nur wenig südlich der Grenze zu Schottland, erreichen wir mit dem Bus. Eine Stunde lang fahren wir vom Hafen in Sunderland aus. Noch einmal Linksverkehr, wobei ich persönlich mich längst noch nicht daran gewöhnt habe, sondern noch immer (ver)meine, wenn ich nach einem kleinen Nickerchen im Bus die Augen öffne, wir befänden uns gerade im Überholvorgang …

Unsere Führerin zeigt uns DurhamUnd schon wieder ist die Rede von einer Kathedrale, diesmal der von Durham. Zwischenzeitlich erscheint England als das Land der Kathedralen, nicht (so sehr) Frankreich. In Frankreich sind sie wohl insgesamt größer, erstaunlicher, erhabener; in England sind sie aber auch und vor allem imposant – „imposing“, wie unsere Führerin sagt, als sie über die romanische Kathedrale von Durham spricht.

 

Auf dem Marktplatz von DurhamRein romanisch ist diese übrigens nicht, aber doch weitgehend; im Übrigen wird der romanische Stil in England der „normannische Stil“ genannt. Die Normannen haben ihn nämlich mitgebracht oder sich doch seiner bedient, um Macht und Herrschaft zu demonstrieren. Englands Kathedralen sind gedrungener gegenüber Reims und Chartres, vielleicht sogar bequemer wie es das Englische insgesamt gegenüber dem Französischen ist; weniger ästhetisch, aber doch immer noch sehr sehr sehenswert. Und auf alle Fälle, auch wenn die Kathedralen kleiner sind, sind sie imposant. Sie haben etwas vom britischen Understatement. Das ist ganz klar: Sie erinnern an die katholische Zeit des Landes, bevor Heinrich VIII. das Land aus der von Rom zusammengehaltenen Catholica auskoppelte. In Canterbury haben wir die Kathedrale gesehen, auch in Exeter und in Dublin, ebenfalls in Edinburgh. Ich habe es bedauert, dass es in den meisten Fällen darin zuging wie in einer Bahnhofshalle – von Respekt gegenüber der Würde des Raumes anscheinend keine Spur. Ob dies mit dem Fehlen der Realpräsenz darin zu erklären ist? Wohl kaum, wissen doch Besucher so gut wie nichts davon. Vielleicht ist dies alles nur eine andere Art von sakralem Verständnis? Sakrales gab es durchaus. Sakrales etwa war hochgradig verdichtet zu bemerken, als der liturgische Zug im anglikanischen St. Patrick von Dublin Einzug hielt, zusamt dem hierzulande „Domschweizer“ genannten Zeremoniär mit schräg aufgepflanztem zepterähnlichem Herrschafts- oder doch Hoheitsstab? Bei der Musik des folgenden Evensong (Vespergottesdienstes) dort hub himmlische Sphäre an! Ich war zwar kurzzeitig auch dort eingenickt, habe aber diese Musik sehr wohl in mich aufnehmen können.

Pfeiler in der Kathedrale von DurhamWie dem auch sei: Durhams Kathedrale ist quite imposing. Die romanischen Pfeiler aus der normannischen Zeit sind mit extraordinären Verzierungen versehen. In ihrem Durchmesser erinnern sie – wie so vieles in diesem Gotteshaus – an die Kathedralen-Festung von Albi in Südfrankreich. Das wie auch immer mit der Organisation der Anglican Church in Verbindung stehende Personal ist stets freundlich gewesen, selten direktiv (musste es auch gar nicht). Und so erkenne ich dahinter eine ganz eigene Art von respektvoller Sakralität, die hier zumindest zum Ausdruck zu kommen scheint. Unaufgeregtheit, und, um erneut auf dieses Wort zurückzugreifen: englische Bequemlichkeit.

 

Englische Wohnkultur zwischen private property und KommunitarismusEngland ist tatsächlich irgendwie eng, und das hatte mir bereits zu Beginn unserer Reise in Dover, Canterbury und auch im Falle des Leeds Castle so vor Augen gestanden. Dieser Realismus lässt sich in vielen Variationen auch in Durham studieren und geht bis zum Verhalten der Bedienung in den Restaurants dort. Mir erscheint der genannte Realismus als ein Stück Lebensqualität, wenn seine innere Haltung auch gelegentlich in blanken Zynismus oder in Biederkeit umzukippen droht. Im Regelfall tut sie es nicht. Ein anderer Mangel wäre es, wenn Höflichkeit nichts anderes als übermäßig aufgesetzte Freundlichkeit wäre; was gelegentlich zutreffen mag. Aber allgemein scheint mir Höflichkeit in Britannien doch vielmehr Ausfluss der relativen Enge zu sein, in der man aufeinander sitzt. Warum nicht?

Das Geheimnis des perfekten englischen Rasens beginnt mit dem ServiceViel Bequemlichkeit haben wir während all der vielen Seemeilen sowie in den Bussen während der Landausflüge erfahren. Am Ende unseres Aufenthalts in Durham ging es nochmals mit den Bussen zurück in den Hafen, über in der falschen Richtung organisiert scheinende Kreisverkehre („roundabouts“), an Straßenzügen voller aneinandergereihter Häuschen vorbei; und zwei bis drei Male noch erschien meinem (dafür allerdings) geschärften Blick ein Schild, das kündete „Private!“ Ich musste erneut an das Verhältnis der Briten zum Eigentum denken; an Ausflüge, die ich als Jugendlicher vor vielen Jahren in dieses Land unternommen hatte und in deren Verlauf Bekanntschaft gemacht wurde mit einem distinguierten älteren Herrn mit Schniepel und ebenso schwarzem Regenschirm, dessen Krücke über dem Unterarm hing, und freundlich-resolut angehobener Stimme. Er sagte: „Sorry, Sir, this is private property. You cannot sleep here …“ Die Britischen Inseln waren für uns aber sehr gastlich. Die Lebenswelten dort sind stilvoll, bei aller insularen Enge breit und bequem. Dafür ist England und die weiteren aufgesuchten Länder nun mal eine Insel. Eine, die ihren Eindruck auf uns zu machen keineswegs verfehlt hat.

Veit Neumann (Alm)